Frank Sarodnick
Frank

Ich bin vor 20 Jahren von Berlin an den Niederrhein gezogen und teile mit dir meine Faszination für diese wundervolle Region.

In der ersten Interviewfolge des Jahres 2026 ist Anne Häusler bei mir zu Gast.

Sie ist Deutsche, hat in verschiedenen Ländern gelebt und ist schließlich durch Zufall mit ihrer Familie in den Niederlanden „hängengeblieben“.

Anne arbeitet grenzüberschreitend als Marketingberaterin und „Kulturübersetzerin“.

Anne Häusler im Interview

Das Transkript der Folge ist so angepasst, dass es leichter lesbar ist.
Porträtbilder: Anne Häusler

Der Weg in die Niederlande

Frank [00:00:52]: Du bist Deutsche, du lebst aber in den Niederlanden. Erzähl doch mal, wie kam es dazu? War das jetzt wirklich eine bewusste Entscheidung oder hat sich das irgendwie so einfach ergeben, wie das im Leben manchmal so ist?

Anne Häusler [00:01:38]: Es hat sich absolut ergeben, wie das im Leben so ist. Und da haben ganz, ganz viele Zufälle eine Rolle gespielt.

Das hat eigentlich, wenn ich jetzt ein bisschen weiter ausholen darf, vor zwölf Jahren begonnen. Wir wollten noch mal ins Ausland gehen, haben damals im schönen Schwarzwald gewohnt und über verschiedene Zufälle hatten wir die Möglichkeit, nach Serbien zu gehen.

Hatten wir nie mit gerechnet, dass Serbien bei uns auf der Lebenskarte stehen würde. Und wir hatten dann da mit zwei, nachher dann drei Kindern eine ganz, ganz tolle Zeit.

Es waren wirklich interessante, spannende, schöne dreieinhalb, fast vier Jahre.

Eigentlich war der Plan danach ganz klassisch zurück nach Deutschland zu gehen, irgendwo uns fest niederzulassen und dann da den Rest unseres Lebens wahrscheinlich zu verbringen – so ganz deutsch.

Und dann hatten wir aber die Möglichkeit, in die Niederlande zu gehen. Dann dachten wir, naja, vielleicht einmal noch so eine Auslandsstation wäre ja schön.

Die Kinder waren noch klein, das war noch in dem Alter möglich, die dann noch mal irgendwie mitzunehmen und quasi da nochmal zu beginnen.

Dann war das absoluter Zufall, dass wir in Tilburg in den Niederlanden rausgekommen sind – „zurechtgekommen" wollte ich jetzt schon sagen, das ist eingedeutschtes Niederländisch.

Die Kinder sind dann da auf eine regionale Schule gegangen, uns hat es total gut gefallen und es wurden dann aus den vier Jahren fünf Jahre, dann wurden sechs Jahre draus. Dann haben wir schließlich die Entscheidung getroffen, dass wir doch komplett hierbleiben.

Die Kinder sprechen inzwischen besser Niederländisch als Deutsch, haben im Deutschen einen ganz süßen niederländischen Akzent. Und ich habe mich vor drei Jahren quasi zum zweiten Mal selbstständig gemacht und arbeite jetzt im Marketing so an der Schwelle zwischen den Niederlanden und Deutschland.

Frank [00:03:16]: Das ist ja super spannend. Also diesen Schritt wirklich ins Ausland und dann vom Ausland wieder ins Ausland, das ist ja schon nicht ganz gewöhnlich.

Aber wenn du jetzt so dort in den Niederlanden sitzt, würdest du sagen, du vermisst irgendetwas von Deutschland?

Anne Häusler [00:03:55]: Es ist natürlich immer so ein bisschen so ein Auswanderer- oder Expat-Bias dabei, dass man ja alles dann immer total schön redet, was einen in der neuen Heimat so begegnet.

Von daher bin ich häufig auch ganz ungerecht gegenüber Deutschland. Aber was ich wirklich vermisse, ist auf jeden Fall das deutsche Brot.

Das ist was, was ich einfach sehr zu schätzen weiß und ich kriege das auch nicht hin, das selber zu backen. Von daher: Alle Besucher müssen das immer mitbringen.

Was ich auch vermisse, sind einige Süßigkeiten. Da gibt es die Rittersport Joghurt, die gibt es hier nicht.

Und so eine ganz bizarre Süßigkeit, die niemand lecker findet, das sind diese Erfrischungsstäbchen.

Frank [00:04:35]: Die so gefüllt sind mit Zitrone und Orange?

Anne Häusler [00:04:38]: Es gibt Fans und es gibt Hasser – und ich finde die total toll.

Die müssen Leute immer mitbringen. Ansonsten muss ich sagen, bin ich aktuell sehr zufrieden hier, sehr happy.

Es ist ein gutes Leben, eine gute Work-Life-Balance, ein gutes Schulsystem, was für unsere inzwischen vier Kinder auch sehr wichtig ist. Und ich mag so diesen niederländischen Pragmatismus, diese anpackende Art, die mag ich sehr gerne.

Ich merke aber gerade, weil ich mich viel mit diesen interkulturellen Differenzen beschäftige, auch immer mehr, wie deutsch ich bin.

Also ich mag auch gern Ordnung, ich mag Struktur, ich mag Pläne – wobei das einige Leute, die mich gut kennen, vielleicht etwas überraschen könnte.


Süßigkeiten und Salzlakritz

Frank [00:05:17]: Mit vier Kindern und Hund muss man, glaube ich, Struktur haben, sonst funktioniert das ja auch alles nicht.

Aber du hast gerade Süßigkeiten angesprochen, finde ich ein faszinierendes Thema. Wenn man halt über die Grenze fährt, dann gibt es andere Süßigkeiten tatsächlich in den Niederlanden.

Obwohl das ja alles hier nur zwei Kilometer weg ist, gibt es doch das ganze Thema Salz und Lakritz und Salzlakritz, was ich jetzt doch sehr merkwürdig finde.

Wie findest du das, essen deine Kinder dieses Salzlakritz?

Anne Häusler [00:05:56]: Also ich bin in so einer Lakritz-Liebhaberfamilie aufgewachsen, also von daher ist mir das durchaus bekannt. Aber dieses Salzlakritz oder diese Salmiak-Lakritz...

Lakritz


Frank [00:06:04]: Ja, Salmiak!

Anne Häusler [00:06:05]: Also das finde ich schon echt harten Tobak, das ist absolut nicht mein Ding. Was wir auch hier sehr gerne mögen, das sind diese ganzen Kindersüßigkeiten.

Die Omas müssen immer Duplos mitbringen und Kinder Country und so. Und das finde ich eigentlich auch ganz schön, dass das noch nicht den Weg in die Niederlande gefunden hat, dass es da noch so ein paar regionale Unterschiede gibt.


Kulturelle Unterschiede: Ein Stück Kuchen

Frank [00:06:26]: Wenn wir gerade bei regionalen Unterschieden sind – gibt es denn Sachen, wo du sagst, die sind in den Niederlanden wirklich komplett anders?

Du hattest mir mal im Vorgespräch erzählt, Besuche laufen anders ab. Das finde ich natürlich mega spannend.

Anne Häusler [00:06:52]: Es ist wirklich so, gerade weil wir das Gefühl haben, dass wir uns gegenseitig so gut kennen und dass wir uns so ähnlich sind – im Großen und Ganzen sehen alle auch so ein bisschen gleich aus, wir haben dieselben Klamotten an.

Also es gibt erstmal nicht so krasse Unterschiede auf den ersten Blick. Und gerade dadurch sind einige Unterschiede so verblüffend.

Das erste, was uns aufgefallen ist: Wenn man eingeladen ist, bekommt man immer nur ein Stück Kuchen.

Kuchen


Das ist so eine niederländische Tradition, das wird einfach so gemacht. Und ich war bei der ersten Einladung zu einem Geburtstag, bin reingekommen, habe mir die Kuchen angeguckt, die in der Küche standen und habe mich schon so gefreut: Erst den Apfelkuchen, danach vielleicht den Schokoladenkuchen.

Es ist aber so: Man bekommt von der Gastgeberin genau ein Stück Kuchen angeboten. Das wird einem auch gebracht. Da kann man sich auch nicht großartig selber bedienen.

Das entspricht nicht der Erwartung. Und dann wird auch kein zweites Stück Kuchen angeboten. Für jeden Gast ist ein Stück Kuchen eingeplant.

Als wir dann mal einen Kindergeburtstag gefeiert haben – backen ist nicht unbedingt mein Ding, aber na ja, jetzt muss ich ein bisschen zeigen, wie das hier so läuft – drei, vier Kuchen gebacken.

Dann haben wir halt den Rest der Woche selber unseren Kuchen gegessen, weil natürlich jeder niederländische Gast auch sehr höflich genau ein Stück Kuchen gegessen hat und dann sind die alle nach Hause gegangen.

Und wir standen dann da mit unseren Torten.

Frank [00:08:20]: Das sind so die kleinen Sachen, die einfach witzig sind, wenn man sie halt nicht kennt. Man denkt dann, ja, warum ist das so? Und ich finde diese kleinen faszinierenden Sachen so nett, weil sie einfach sehr menschlich sind.

Anne Häusler [00:08:53]: Es ist auch zum Beispiel so ein Thema, wenn du abends Leute einlädst.

Da wird normalerweise nie zum Essen eingeladen, sondern nach dem Essen. Und dann wird den Leuten ein Kaffee oder ein Tee erstmal angeboten. Also du wirst gefragt: „Was möchtest du trinken?" Und in 98 Prozent der Fälle sagen die Leute: „Ach, gerne ein Tässchen Kaffee" oder „Gerne ein Tässchen Tee."

Und für uns war das am Anfang total überraschend, weil wir haben halt damit gerechnet: ein Bier oder ein Wein oder vielleicht auch gerne eine Cola oder ein anderes Softgetränk.

Aber Tee oder Kaffee um die Uhrzeit, um Viertel nach acht – also das war dann schon immer sehr überraschend.

Frank [00:09:39]:Das kann ich mir vorstellen. Vor allen Dingen Kaffee um die Zeit könnte ich auch gar nicht mehr trinken, weil dann bin ich ja die Nacht komplett wach.


Grenzüberschreitendes Business

Frank [00:10:04]: Jetzt berätst du ja auch Unternehmen, die grenzüberschreitend arbeiten oder arbeiten wollen oder planen, so zu arbeiten.

Vielleicht kannst du da einfach mal ein bisschen unserer Zuhörerschaft erzählen, was du da genau machst und wo so die Schwierigkeiten sind.

Anne Häusler [00:10:25]: Das ist eine interessante Frage. Ich bin im Endeffekt ein bisschen drauf gekommen, weil ich selber in einem Softwareunternehmen gearbeitet habe, das in Deutschland tätig war.

Vorher habe ich für eine Marketingagentur gearbeitet, die viel mit internationalen, vor allen Dingen auch deutschen Kunden gearbeitet hat, hier in den Niederlanden.

Und da ist mir aufgefallen, dass die Unternehmen immer wieder gegen bestimmte Mauern laufen oder dass es immer wieder bestimmte Dinge gibt, die nicht so gut funktionieren.

Viele Unternehmen gehen erstmal davon aus: Naja, wir übersetzen einfach alles, was wir so haben. Die Webseite wird übersetzt, die Broschüre wird übersetzt, der Flyer wird übersetzt. So anders kann das ja in Deutschland gar nicht ablaufen. Und dann läuft das einfach und dann machen wir unsere Geschäfte.

Deutschland ist natürlich ein super attraktiver Markt, direkt vor der Haustür, sehr groß, viele Leute – prima, da machen wir das. Und dann hat sich herausgestellt, dass es eben doch nicht so einfach ist.

Der deutsche Mittelständler tickt doch ein bisschen anders als der niederländische Mittelständler.

In den Niederlanden ist die Digitalisierung viel weiter. Die Leute sind bestimmte digitale Prozesse sehr gewohnt. In Deutschland ist das immer noch so ein bisschen Hemmschuh, die Leute sind da misstrauisch.

Wo Niederländer pragmatisch sagen: „Naja, dann machen wir das einfach mal, das finden wir total spannend, interessant" – da sagen Deutsche: „Naja, da möchten wir erst mal einen Plan sehen und dann möchten wir den optimierten Plan sehen und dann müssen wir das noch mal prüfen lassen und dann möchten wir uns auch absichern, wenn das vielleicht nicht funktioniert.

Also was ist da ein Plan B, C und D?"

Wo dann der Niederländer denkt: „Was sind die denn jetzt so anstrengend? Wir können doch einfach mal loslegen und gucken, wie sich das Ganze weiterentwickelt und dann passen wir die Pläne entsprechend an."

Das sind immer wieder Themen, wo es dann irgendwie knallt und wo viel Unverständnis da ist.

Von daher sehe ich mich hier nicht nur als Marketingberaterin, sondern auch so ein bisschen als Kulturübersetzerin, um Verständnis zu schaffen: Okay, wie funktioniert das denn auf der einen Seite der Grenze?

Was sind hier die Erwartungen? Wie funktioniert es auf der anderen Seite der Grenze? Und wie müssen wir dann die entsprechende Kommunikation anpassen?

Das ist im B2B-Bereich auf jeden Fall so – egal ob es Software, Maschinen oder Marketingberatung ist – aber das ist natürlich auch im B2C-Bereich so.

Ein Tourist, der nach Deutschland kommt, oder ein Deutscher, der in den Niederlanden Urlaub macht, der hat andere Erwartungen und Bedürfnisse, als das dann vielleicht auf der anderen Seite der Grenze der Fall ist.

Frank [00:13:07]: Im Prinzip bist du ja nicht nur eine Sprachübersetzerin, sondern wirklich eine Brückenbauerin. Man muss die informellen Sachen kennen, um sauber übersetzen zu können.

Man muss verstehen, was der andere sagt und vor allen Dingen auch, was er meint. Eine 1-zu-1-Übersetzung ist halt immer das eine. Aber wenn man weiß, was ist damit gemeint in diesem Land, dann bringt das natürlich viel mehr mit rein, um auch erfolgreich zu werden.


Was deutsche Firmen von Niederländern lernen können

Frank [00:13:57]: Was denkst du, was können deutsche Firmen, deutsche Mittelständler von den Niederländern lernen? Du hast ja jetzt schon gesagt, die sind pragmatisch, die sind flexibel, die passen an. Was kann man da noch Positives in den Austausch reinbringen?

Anne Häusler [00:14:48]: Was deutsche Unternehmen wirklich von Niederländern lernen können, ist dieses „Einfach mal machen": Eine Vision haben und dann einfach loslaufen und sich nicht erst zu Tode planen, bevor dann irgendwas passiert.

Ich hatte das wirklich im Bereich Digitalisierung so mitbekommen. Da sind in den Niederlanden einige Standards entwickelt worden – die haben einfach angefangen und haben von klein entwickelt, haben das immer wieder angepasst. In Deutschland gibt es die gleichen Überlegungen für diese Standards, aber da möchte man erst den Plan für das große Ganze haben.

Da wird jetzt seit zehn Jahren geplant und da ist noch keine einzige Zeile Code geschrieben worden, um damit einfach mal anzufangen.

Dieses „Einfach mal anfangen, gucken, wo wir rauskommen, aus Fehlern lernen und dann wieder anpassen" – ich glaube, das ist ein ganz, ganz großer Vorteil, den die Niederländer mitbringen, wo die Deutschen sehr viel von lernen können.

Und ich sage auch immer: Wenn man diesen niederländischen Pragmatismus mit der deutschen Gründlichkeit paart, dann ist das wirklich ein absolutes Erfolgsrezept.

Aber man muss sich halt aufeinander einlassen, man muss ein gewisses Grundverständnis mitbringen – und dann kann das eine richtig tolle Zusammenarbeit sein.

Frank [00:15:55]: Ich kann mir auch vorstellen, dass da bei den niederländischen Leuten wirklich so ein bisschen was in den Genen liegt. Das war ja eine Seefahrernation.

Der Wind kommt halt nicht immer von der gleichen Stelle, während so ein deutsches Schiff gebaut wird, einen Motor drin hat und halt immer in die gleiche Richtung tuckert.

Aber ein Segelboot, so wie halt früher, da musst du halt flexibel sein, das musst du anpassen, dann musst du beobachten, gucken und das Segel halt vielleicht noch mal anders setzen.

Anne Häusler [00:17:05]: Absolut. Hier ist auch ein weiterer Punkt sicherlich, dass auch jeder gehört wird. Viele Meinungen werden mitgenommen, die werden auch ernst genommen.

Man hört auch, was der Praktikant, der vielleicht noch gar nicht so lange im Unternehmen ist, zu einem bestimmten Thema zu sagen hat. Mit Respekt und Wertschätzung werden andere Informationen und andere Meinungen mitgenommen.

Natürlich nicht immer und überall in jedem Kontext, aber trotzdem habe ich das immer wieder so erfahren. Dadurch kommen auch häufig andere Perspektiven in so einen Entscheidungsprozess mit rein und neue Nuancen, die in so einer streng hierarchischen Entscheidungsfindung in Deutschland häufig übersehen werden.

Und dieses Poldermodell, dass es eigentlich immer darum geht, einen gemeinsamen Konsens zu finden – das ist sehr niederländisch.

Das ist auch in der Historie so, weil die ja ein loser Verband von verschiedenen Provinzen waren, die sich miteinander abgestimmt haben und nicht unbedingt so top-down regiert wurden.

Für deutsche Verhältnisse ist das manchmal schwer auszuhalten. Ich muss auch sagen, ich habe da auch schon in Meetings gesessen, wo ich dachte: „Boah, das ist jetzt aber wirklich lang und wieso müssen wir jetzt die 23. Runde..."

Aber am Ende kommt ein Konsens raus, der von allen mitgetragen wird, den alle motivierend und inspirierend finden und bei dem sich auch alle gehört fühlen.

In Deutschland haben wir eben häufig dann am Ende diese Top-Down-Entscheidungen, die dann aber so ein bisschen wie so ein Paukenschlag wirken, wo alle denken: „Naja, ich hätte es jetzt ganz anders gemacht, finde ich jetzt nicht so. Ich hätte auch noch eine Meinung dazu gehabt, aber das interessiert ja niemanden."

Und dann ist es eher so ein resigniert Ausführen anstatt motiviert Umsetzen.


Das Potenzial der Grenzregion

Frank [00:18:47]: Der Niederrhein zieht sich ja auch richtig in die Niederlande mit rein. Wir haben uns ja kennengelernt bei einer Veranstaltung von der IHK, die den Niederrhein touristisch nach vorne bringen wollen. 

Nicoles

TIpp

IHK Niederrhein

Wenn wir jetzt mal das Potenzial hier am Niederrhein betrachten für grenzüberschreitende Arbeit – ist der Austausch schon gut genug oder muss da mehr passieren?

Anne Häusler [00:19:50]: Also meiner Meinung nach muss da auf jeden Fall mehr passieren. Es ist natürlich so, dass es viele Organisationen gibt, auch durch die IHKs gestützt.

Dann gibt es verschiedene Wirtschaftsverbände, europaweite Projekte, die die Zusammenarbeit fördern, die die Zusammenarbeit auch teilweise mitfinanzieren.

Aber ich sehe einfach, dass es immer noch als zwei getrennte Regionen begriffen wird, dass diese Grenze eine extrem große Rolle spielt, anstatt dass es einfach als ein großer Wirtschaftsraum begriffen wird, wo grenzüberschreitende Projekte – gerade vielleicht auch im Bereich Tourismus, aber auch im Bereich Logistik – viel mehr angestoßen werden müssen. Und das muss viel mehr gelebt werden.

Ich fand das zum Beispiel total interessant: In Duisburg hatten wir diese Tourismusveranstaltung. Ich bin mit dem Auto dahin gefahren, hab geparkt und dann war da dieser Parkautomat – und da war dann erstmal alles auf Deutsch.

Duisburg möchte niederländische Touristen haben, Duisburg möchte die Leute haben. Dann kann man wenigstens irgendwo einen QR-Code machen und sagen: „Okay, wenn du diesen Parkautomat hier nutzen willst, dann scann den QR-Code und dann findest du all diese Informationen auf Niederländisch."

Es wird aber immer erwartet, dass die Niederländer alles auf Englisch machen. Gut, die können auch gut Englisch, aber wirklich willkommen oder wirklich einladend ist das ja nicht.

Das sind einfach so diese Kleinigkeiten, wo ich mir manchmal denke: Leute, begreift euch doch, lasst uns doch einfach als eine gemeinsame, vielleicht dann auch manchmal bilinguale Region leben, wo wir die Leute wirklich mitnehmen, wo wir nachdenken: Was braucht denn jemand, der hierher kommt? Und dann geht das alles viel, viel einfacher.

Frank [00:21:30]: Bilinguale Region, das ist ein schönes Wort.

Unsere Kinder haben tatsächlich Niederländisch in der Schule gehabt. Das fand ich damals ganz toll und fand halt schade, dass das dann so ein bisschen ausgelaufen ist, weil auch der Kontakt in die Niederlande gar nicht so stark war, wie er hätte sein können.

Also deine Kinder wachsen ja jetzt quasi mehrsprachig auf. Vielleicht können die das dann auch anders umsetzen, wenn sie ein bisschen größer sind und dieses Potenzial auch tatsächlich nutzen.


Tourismus als Chance

Anne Häusler [00:22:37]: Ich habe mich in der Vorbereitung auf den Podcast auch noch mal informiert.

Deutschland ist so ein Haupturlaubsland auch für die Niederländer. Aber Nordrhein-Westfalen hat wirklich unheimlich viele Übernachtungen. Natürlich sind das dann die großen Städte – Köln greift da natürlich viel von den Übernachtungen ab.

Aber ich glaube, es ist wirklich auch am Niederrhein wichtig, sich hier als grüne Alternative zu positionieren – als Bereich, wo die Landschaft weit ist, wo es vielleicht grenzübergreifende Wanderwege gibt, wo man Fahrrad fahren kann.

Klar suchen die Niederländer Berge, aber es gibt auch Leute, die Rennrad fahren. Es gibt auch Rentner, die vielleicht nicht so große Berge wollen. Ich bin jetzt auch nicht unbedingt scharf auf Berge mit dem Fahrrad.

Den Niederrhein mehr als Urlaubsland zu etablieren, zu gucken: Was brauchen denn die Touristen, die hierher kommen?

Die wollen nicht bar bezahlen. Das finden die ganz merkwürdig.

Niederlande ist ein Kartenzahlland – das muss im Hotel, in der Gastronomie, beim Bäcker möglich sein, wenn man diese Gäste haben möchte.

Es braucht Übernachtungsmöglichkeiten, die ein bisschen auf den niederländischen Geschmack ausgerichtet sind.

Das bedeutet eine gewisse Liebe zum Detail, eine gewisse Liebe zum Design. Dass die Dinge einfach und freundlich laufen.

Dass die entsprechenden Informationen für eine niederländische Zielgruppe da sind: Wo muss ich parken? Wo kann ich mein E-Auto parken? Wie komme ich eigentlich hierhin? Was sind die Öffnungszeiten vom Supermarkt? Was sind die Öffnungszeiten von der Apotheke?

Also hier auch einfach mal überlegen: Was braucht denn jemand, der hier Urlaub macht? Welche Fragen hat er, weil es zu Hause ganz anders funktioniert? Ich glaube, dann hat man da relativ schnell und einfach Erfolg.

Bei dem Tourismus-Barcamp haben wir zum Beispiel auch gehört, dass diese langen Wanderevents von den Deutschen durchaus als interessant empfunden werden – das sind dann häufig so 30, 40 Kilometer am Tag – und dass sie da gerne mitmachen.

Aber so ein grenzüberschreitendes Wanderevent wäre zum Beispiel auch mal eine Idee, wo man hier die Leute dann gezielt anspricht.

Frank [00:24:43]: Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen, vor allen Dingen, weil die Bedingungen ja dazu wirklich gut sind. A

uf beiden Seiten gibt es schöne Wanderwege und wenn man die jetzt noch so ein bisschen übergreifend macht, findet man da mit Sicherheit auch einen schönen Austausch.

Ich habe ja die leise Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere, der im Tourismusbereich tätig ist, hier auch den Podcast hört und vielleicht ist das ja auch mal eine Anregung, die man tatsächlich weiter vertiefen könnte.


Annes Kunden und Arbeitsweise

Frank [00:25:29]: Deine Kunden, das sind eher niederländische Unternehmen oder eher deutsche Unternehmen oder sowohl als auch?

Anne Häusler [00:25:29]: Aktuell eher sowohl als auch, tendenziell mehr niederländische Unternehmen. Aber ich arbeite auch gerne mit deutschen Unternehmen zusammen, die entweder schon im anderen Land tätig sind oder tätig werden wollen.

Dann gucken wir uns erstmal an: Wer ist denn eigentlich die Zielgruppe im Heimatland? Wer ist denn die Zielgruppe dann im anderen Land? Also ich fange gern mit einer Marktuntersuchung, Marktanalyse ganz klassisch an. Häufig gibt es da doch entscheidende Unterschiede.

Dann einfach noch mal gucken: Wie ticken denn die Leute? Was brauchen die an Informationen? Wie funktionieren die Entscheidungsprozesse? Und wie kann man sowas dann zum Beispiel auf einer Webseite abbilden? Wie kann man das dann aber auch in allen anderen Marketingmaterialien abbilden? Und wie kann man dann auf der Basis eine Marketingstrategie ausarbeiten?

Mir ist immer wichtig, dass erst die Basis stimmt – also das ganze Konzept dahinter, Zielgruppendefinition, dann die Webseite als Ausgangspunkt für die Gesamtkommunikation – und von da dann gucken: Was sind die richtigen Kanäle? Ist es eine Messe, ist es eher Online-Marketing?

Frank [00:26:25]: Ich glaube, da wird dir die Arbeit auch nicht so schnell ausgehen, solange die Leute verstehen, dass ein anderes Land anders ist, andere Möglichkeiten hat, andere Chancen hat, aber eben auch mit der gewissen Achtung, mit der man rangeht, wenn man sich ein neues Land quasi eröffnet und versucht, dort Fuß zu fassen.

Ich glaube, du bist absolut die richtige Person dafür, weil du eben so viel Erfahrung hast, weil du in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet hast.

Deshalb kann ich jedem nur empfehlen: Wer grenzüberschreitendes Business machen will, bitte mit Anne Häusler. Übrigens sind alle Links zu Anne noch mal in den Shownotes.

Abschluss

Frank [00:27:17]: Anne, herzlichen Dank für dieses tolle Interview. Ich habe schon wieder richtig Lust, mal den nächsten Ausflug Richtung Niederlande zu machen.

Und ich freue mich total, dass wir hier im Niederrhein Podcast eben auch so ein schönes Thema – grenzüberschreitendes Business – mal richtig schön diskutieren konnten. Vielen, vielen Dank, liebe Anne.

Anne Häusler [00:27:34]: Sehr, sehr gerne. Es war mir ein Vergnügen.

Frank [00:27:37]: Und damit geht ganz am Ende wie immer noch ein klitzekleiner Gruß an meine Berliner Freunde. Ja, ich weiß ja nicht, wenn ihr hier seid und ihr fahrt dann mal rüber in die Niederlande: Das eine Wort, was ich euch sage, was ihr dann sagen müsst, wenn ihr aus dem Laden rausgeht, das heißt „Totziens" – das heißt nämlich Tschüss und auf Wiedersehen. Und damit sage ich jetzt auch für diese Folge: Tschüss und auf Wiedersehen.

Anne Häusler

Anne Häusler

Massgeschneidertes Marketing für nachhaltiges Wachstum in D und NL

Anne Häusler unterstützt deutsche Unternehmen beim Marketing in den Niederlanden und niederländische Unternehmen beim Markteinstieg in Deutschland. 


Web: Anne Häusler

Instagram: Anne Häusler

Anne Häusler auf LinkedIn

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