Frank Sarodnick
Frank

Ich bin vor 20 Jahren von Berlin an den Niederrhein gezogen und teile mit dir meine Faszination für diese wundervolle Region.

Mühlen am Niederrhein

Die Mühlen gehören am Niederrhein zum Horizont wie die Kirchtürme.
Windmühlen, Wassermühlen, große und kleine, verfallene und restaurierte – sie prägen das Bild unserer Landschaft.
Und hinter jeder verbirgt sich eine Geschichte, die Jahrhunderte überdauert hat.

Besuch im Irrland


Eine persönliche Geschichte

Als ich vor 20 Jahren von Berlin an den Niederrhein zog, war ich auf vieles vorbereitet – aber nicht auf die Mühlen.

In Berlin kannte ich vielleicht zwei davon: die Britzer Mühle in Neukölln und die Bockwindmühle zwischen den Plattenbauten in Marzahn. Einzelne Exoten in einer Millionenstadt.

Am Niederrhein jedoch gehören sie zum Landschaftsbild - Wassermühlen und Windmühlen.


Warum der Niederrhein ein Mühlenland ist

Die Antwort liegt buchstäblich vor unseren Füßen: in der flachen Landschaft. Der Wind weht hier beständig, weil keine Hindernisse ihn aufhalten. Das sind perfekte Bedingungen für Windmühlen.

Während in Brandenburg die hölzernen Bockwindmühlen dominieren – diese eckigen Holzkästen auf drehbaren Gestellen – prägen am Niederrhein die sogenannten Holländerwindmühlen das Bild. Massive runde Türme aus Backstein, die an Leuchttürme erinnern. Stabil, wetterfest, für die Ewigkeit gebaut.

Doch es gibt auch Wassermühlen: an der Schwalm, an der Niers, an der Nette. Überall dort, wo die kleinen Flüsse genug Kraft haben, ein Wasserrad anzutreiben.

Die Stepprather Mühle: 500 Jahre Geschichte

Die Stepprather Mühle in Geldern-Walbeck ist eine der ältesten noch funktionsfähigen Windmühlen in ganz Deutschland. Gebaut wurde sie um 1450 – etwa zur selben Zeit, als Gutenberg den Buchdruck erfand.

Heinrich Schenk von Nüdegen, Herr der Freiherrlichkeit Walbeck, ließ sie errichten. Damals war das Mühlenrecht ein wertvolles Privileg, vergleichbar mit einer heutigen Konzession. Jahrhundertelang war die Mühle einer der wichtigsten Betriebe im Dorf: Korn wurde zu Mehl, aus Mehl entstand Brot.

1953 wurde der Betrieb eingestellt, der letzte Müller war verstorben. Die Mühle verfiel. Bis sich 1990 ein Förderverein gründete. Fünf Jahre dauerte die Restaurierung. Seit 1995 drehen sich die Flügel wieder – 28 Meter Spannweite, auf einem 19 Meter hohen Turm.

Wer heute vor dieser Mühle steht, sollte sich einen Moment Zeit nehmen. Dieses Bauwerk hat Kriege überlebt, Generationen kommen und gehen sehen. Und es funktioniert immer noch. Geschichte zum Anfassen.


Die Kalkarer Mühle: Vom Stadttor zum Schmuckstück

Mit 27 Metern Höhe (ohne Flügel) ist die Kalkarer Mühle die größte Windmühle am Niederrhein. Ihr Turm hat einen Umfang von fast 35 Metern an der Basis, die Wände sind einen Meter dick.

Ihre Geschichte beginnt kurios: 1770 war Kalkar so verarmt, dass die Stadt ihre Stadttore verkaufte. Ein französischer Lederfabrikant aus Haiti kaufte das Hanselaer Tor, ließ es abreißen und baute aus den Steinen eine Lohmühle – hier wurde Eichenrinde gemahlen, die man zum Gerben von Leder brauchte.

Der Fabrikant musste 1794 vor der französischen Revolutionsarmee fliehen. Die Mühle wechselte den Besitzer und wurde zur Getreidemühle umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, stand sie jahrzehntelang still. Erst 1994 begann die Restaurierung.

Heute ist sie ein Schmuckstück mit acht Stockwerken. Unten gibt es ein Restaurant mit eigener Brauerei, oben wird noch gemahlen. Das Brot, das hier gebacken wird, stammt aus eigenem Mehl. Der Blick von der Galerie in 13 Metern Höhe auf die Altstadt – mit den großen Flügeln über dem Kopf – ist ein Erlebnis.


Die Kriemhild-Mühle in Xanten: Die einzige täglich betriebene Windmühle

In der Römerstadt Xanten steht die Kriemhild-Mühle, benannt nach der tragischen Heldin der Nibelungensage. Das Besondere: Sie ist die einzige Windmühle am Niederrhein, die täglich betrieben wird. Jeden Tag mahlen die Steine, jeden Tag entsteht frisches Mehl, jeden Tag wird Brot gebacken.

Ursprünglich war das Gebäude gar keine Mühle, sondern ein Wehrturm der Stadtbefestigung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg diente er als Wohnung für den Nachtwächter – daher der alte Name „Nachtwächterturm". 1804 wurde er zur Windmühle umgebaut.

Die 21 Meter langen Flügel sind mit Segeltuch nach alter holländischer Art bespannt. Bei starkem Wind zieht man weniger Segel auf, bei schwachem Wind mehr – pure Handarbeit, für jede Änderung muss jemand auf die Flügel klettern. Ein Backup-Elektromotor sorgt dafür, dass auch bei Flaute gemahlen werden kann.

Im Mühlenladen gibt es Vollkornbrot, Brötchen, Kuchen – alles aus eigenem Mehl. Authentisch und richtig gut.


Die Narrenmühle in Dülken: Humor auf Niederrheinisch

Die Dülkener Narrenmühle ist anders als alle anderen. Sie ist eine Bockwindmühle mit einem ziegelummauerten Ständer – eine Bauart, die man sonst nur in Flandern findet. Gebaut 1809 als Kornmühle, etwa 100 Jahre lang in Betrieb.

Seit 1906 ist sie Sitz einer einzigartigen Institution: der Dülkener Narrenakademie. Ihr voller Name: „Die Narrenakademie, die erleuchtete Monduniversität, die berittene Akademie der Künste und Wissenschaften zu Dülken." Gegründet angeblich 1554 als Spott auf den übertriebenen Habitus der Gelehrten.

Narrenmühle in Viersen Dülken

Narrenmühle in Viersen Dülken


Die Akademie vergibt den „Dr. humores causa" – den Ehrendoktor des Humors. Zu den Trägern gehören Erich Kästner, Konrad Adenauer, Salvador Dalí und sogar Neil Armstrong. Der Astronaut erhielt den Titel nach seiner Mondlandung, denn die Narrenakademie sieht sich als Hüterin des Mondes.

Am 11. November um 19:11 Uhr findet der traditionelle Narrenritt statt: Die Mitglieder reiten auf Steckenpferden um die Mühle und eröffnen die Karnevalssession. Niederrheinischer Humor pur – Selbstironie mit Augenzwinkern.


Die Brüggener Mühle: 700 Jahre Wasserkraft

Direkt im Ort Brüggen, an der Schwalm, steht eine der ältesten Wassermühlen der Region. Erste urkundliche Erwähnung: 1289. Damals gehörte sie dem Grafen Walram von Kessel.

Die Mühle heißt Burgmühle, weil sie nahe der Brüggener Burg steht. Die Menschen aus Brüggen, Bracht und Boisheim mussten ihr Getreide hier mahlen lassen – Mühlenzwang nannte man das. Es gab eine kluge Kooperation mit der Dülkener Windmühle: Wenn der Wind fehlte, fuhr man zur Wassermühle, und umgekehrt.

Wassermühle Brüggen

Wassermühle Brüggen

Die Mühle hatte zwei Wasserräder: eines für das Getreide, eines für die Ölpresse. 1955 wurde der Betrieb nach über 650 Jahren eingestellt. Heute ist hier ein Restaurant. Das Mühlrad dreht sich noch – elektrisch angetrieben, aber das Mahlwerk ist erhalten.

In der Umgebung hat sich die Schwalm renaturiert. Biber sind zurückgekehrt, ihre Spuren sind überall zu finden: angeknabberte Bäume, Dämme, Biberburgen. Und mittendrin diese alte Mühle.


Die Leuter Mühle: Handwerkskunst zum Staunen

Zum Schluss eine Mühle direkt vor meiner Haustür: die Leuter Mühle an der Nette. Das Besondere hier ist die Technik. Das Mahlwerk ist vollständig erhalten – nicht nur Fragmente, sondern alles: die großen Zahnräder aus Eiche, die schweren Mahlsteine, der komplizierte Mechanismus, der die Kraft des Wassers in Drehbewegung umwandelt.

Techniker aus aller Welt kommen hierher, um zu studieren, wie die alten Meister das gemacht haben. Die niederrheinischen Mühlenbauer und ihre niederländischen Kollegen waren legendär. Es gab eine Schule in Utrecht, die die besten Spezialisten ausbildete.

1932 wurde hier zum letzten Mal Leinöl gepresst. Heute ist das Gebäude ein Seminarhaus, aber von außen kann man noch alles sehen: das intakte Mühlrad, die Nette, die vorbeifließt, im Hintergrund die Krickenbecker Seen. Eine Idylle und ein lebendiges Denkmal.


Mehr als alte Gemäuer

Die Mühlen am Niederrhein sind mehr als historische Bauwerke. Sie zeigen, wie die Menschen früher gelebt und gearbeitet haben – und wie sie im wahrsten Sinne des Wortes ihr Brot verdient haben.

Der Müller war ein harter Beruf: 50-Kilo-Säcke, Trepp rauf, Trepp runter, nur mit Muskelkraft.

Überall gibt es heute Fördervereine und ehrenamtliche Mühlenfreunde, die Zeit, Geld und Energie investieren, damit diese Bauwerke erhalten bleiben. Der Naturpark Schwalm-Nette hat eine eigene Broschüre mit 14 Mühlen. Manche restauriert, manche zerfallen, manche umgebaut – aber alle mit ihrer eigenen Geschichte.

Wenn du das nächste Mal am Niederrhein unterwegs bist und eine Mühle siehst: Nimm dir einen Moment. Hör dem Klappern zu. Schau, ob es frisches Mehl gibt. Lass dich mitnehmen von diesen Geschichten, die Jahrhunderte überdauert haben.

Denn eines kann ich nach 20 Jahren am Niederrhein sagen: Wenn es etwas gibt, was wir besser haben als Berlin, dann sind das die Mühlen.


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